GRANGARDA - in 4 Tagen mit dem Fahrrad um den Gardasee und dessen Hinterland


Immernoch begeistert von unserer Tour über die Kanaren im Frühjahr entdeckten wir im Sommer, dass der Initiator Matteo Minelli ein ähnliches Abenteuer in Norditalien auf die Beine gestellt hat: Es heißt GranGarda und umrundet den Gardasee auf abgelegenen Pfaden, fernab der Touristenströme entlang der Uferstraßen und Seepromenaden. Empfohlen werden 3-5 Tage für die 350km und 10.000hm, die Hälfte davon auf unbefestigten Wegen. Und was gibt es schöneres, als im milden Spätherbst von den Familienpflichten befreit zu werden, um über die Schotterwege der Lombardei zu düsen und mit leichtem Gepäck von Herberge zu Herberge zu ziehen? Italien wir kommen.


Zugtickets Richtung Verona waren schnell organisiert. Überraschenderweise sogar ganz unproblematisch mit Fahrradreservierungen in ICE (Berlin-München) und EC (München-Verona) über den Brenner. Wir entschieden uns für leichtes Gepäck, will heißen ohne Schlafsack, Bivi und Kochutensilien. Jeden Abend eine Herberge zu finden schien uns machbar, so abgelegen sah die Streckenführung nicht aus. Viel Vorbereitung brauchen wir nicht, vielleicht eine Unterkunft für die erste Nacht buchen, denn wie wir rausfanden: gleiche 350km lange Strecke wurde kurz vor uns im Rahmen eines Gravel Rando, neudeutsch für Gelände-Fahrrad-Marathon, abgefahren und der Sieger fuhr die komplette Strecke in unter 24h. Uff, Chapeau! Wozu also beunruhigen lassen, wenn wir uns dafür 4 Tage gönnen wollen (diesen Eindruck können wir hier als töricht stehen lassen, oder jugendlicher Leichtsinn).

Wozu also beunruhigen lassen?

Und so kam es, dass wir uns 10h Zugfahrt später, aus den Sitzen des EC’s falteten und unsere Fahrräder an der Gepäckluke von Wagen 262 entgegennahmen. Die Nacht war frisch und klar und wir freuten uns, nach der Zugfahrt die Beine etwas zu lockern bei den verbleibenden 30km bis zum Startpunkt der Route in Peschiera del Garda, ein kleines Städtchen mit Zitadelle, wo wir selbst 22:00 noch eine geöffnete Pizzaria gefunden haben, um die Batterien für den nächsten Tag zu laden.

Der Anblick des Sees war bereits Goethe einen Umweg wert

Und so starten wir halbwegs ausgeruht und rollen über trockene Feldwege gesäumt von Zypressen. Der südliche Gardasee steht im lieblichen Kontrast zur Schroffheit der nahen Berggipfel. Sanfte Hügel mit grünen Weinbergen und Olivenhainen blicken auf ein breites Seeufer mit Badestränden. Die Landschaft erinnert hier eher an die Toskana, diesig verhangen, am Horizont sind aber schon die Berge erkennbar, die uns die nächsten Tage erwarten. Auf den Feldern riecht es nach frisch ausgefahrenem Dung und der Hintermann fährt zwangsläufig in einer Sprühwolke aus Gülle, aufgewirbelt vom Hinterrad des Vordermanns. Aber hey! wir sind in Italien und dürfen die kommenden 4 Tage Radfahren, die Motivation ist hoch.

Ride/Hike Balance

In Salò stärken wir uns an der Seepromenade mit einem üppigen Teller Pasta, der Hunger war bereits groß. Allerdings offenbarte uns nach Salò erst der wahre Charakter der Strecke: mit den ersten Höhenmetern schrauben wir uns in Spitzkehren vom Ufer weg und der Track hält immer wieder kleine Überraschungen parat, Abzweige auf Wege, oder besser Pfade, die gerade so noch befahrbar waren, allerdings mit kurzen knackigen Rampen, die wohl über 20% Steigung liegen durften. Einerseits landschaftlich wunderschön eröffnet sich  ein Panorama über den See, andererseits mussten wir langsam Demut walten lassen, denn diese Pfade konnten wir immer öfter nur noch schiebend bewältigen. Und so wurde es langsam dunkel. Wir sahen scheinbar schon die Lichter von Gardola, unseres Etappenziels, allerdings am anderen Talhang und die Wegebeschaffenheit lieferte uns das Abenteuer, was wir suchten.

Es muß wohl wieder kurz vor zehn gewesen sein, als wir staubig und leicht fröstelnd ins Hotel eincheckten. Leider war der Fitness und Beauty Bereich im Keller schon geschlossen, die Pizzeria auf der gegenüberliegenden Straßenseite glücklicherweise noch nicht und so fragten wir uns, ob wir nur Pizza oder eine Pasta noch als Vorspeise wählen sollten? Kurze Zeit später zauberten uns Pasta und Pizza ein Lächeln ins Gesicht und wir stießen auf den ersten Tag an.

Wie schön Tignale gelegen ist, wurde uns erst am nächsten Morgen bewußt, als wir steif und schlaftrunken den Frühstücksraum erkundeten, oder besser gesagt, die Terrasse hinter dem Buffet: hoch über dem See hatten wir prächtigen Ausblick auf den Monte Baldo am Ostufer und die Sonnenstrahlen schienen förmlich den Morgennebel über dem See zu zerschneiden. Mehrere Brötchen, Rührei, Müsli und einen Liter Kaffee später inspizierten wir die Räder auf Schäden vom spätabendlichen Trail-Abenteuer der Nacht zuvor: ich stellte fest, dass ich Teile meiner Werkzeugrolle verloren hatte (das Werkzeug war zum Glück noch vollzählig) und die Bremsbeläge hinten sollten noch schnell getauscht werden.

Deinen Beinen gefällt bergauf-fahren besser

Motiviert starteten wir vor 10:00 in den ersten Anstieg und mein Körper brauchte eine Weile, bis er sich an die neue Realität gewöhnte: wahrscheinlich einen halben Tag bergauf fahren bis zum Passo del Tremalzo (1.700m). Stetig bergauf-fahren gefällt meinen Beinen wesentlich besser als diese kurzen steilen Rampen vom Vortag. Auf dem Weg zum Pass überholen wir einige Mountainbiker, die uns bei der gemeinsamen Pause auf ihrer Landkarte unseres weiteren Weges befragten. Wir zuckten mit den Schultern, kannten uns nicht aus, kannten nur die nächsten 50m auf den Displays unserer Navis. Ich merkte aber, dass wir in einer Gegend unterwegs sein müssen, wo Mountainbiker jährlich wiederkehren, weil die Trails so atemberaubend sind. Kennern muss ich wahrscheinlich nichts sagen, aber die Berge und deren Abfahrten um Limone sind wohl wahre Klassiker für Radsportler. Und das was folgte bestätigte mein Gefühl: eine im 1. Weltkrieg angelegte und mittlerweile für Autos gesperrte Schotterstraße führt vom Pass in unzähligen Serpentinen herab. Gelegentlich rauschen wir durch Tunnel, deren harte Wände das metallische Surren unserer Radnaben reflektieren und immer wieder müssen wir für Fotos anhalten, um die großartigen Panoramen auf den See einzufangen.

Überhaupt ist diese Tremalzo MTB Passtraße und das was noch folgte eine der beeindruckendsten Strecken, die ich bisher befahren habe. Es sind für den Verkehr gesperrte Wege, Straßen und Tunnel, die direkt an der Kante hoch über dem Seeufer verlaufen. Einsame spitze, mehr hätten wir uns nicht träumen lassen!

Wir absolvieren die letzten Kilometer, klettern in einem feuchten Flusstal wieder hoch zum Ufer des Lago di Ledro. Der Tag neigt sich dem Ende, die Luft wird kühler und die Gärten an denen wir vorbeirollen duften nach frischem Dill und Kohl, der reif auf dem Acker steht. Wir kommen mit dem letzten Tageslicht in Pieve di Ledro an. Unsere Herberge Hotel Sport atmet den Duft der Nebensaison, muffige Räume mit durchgelegenen Matratzen, Zierborde an den Wänden im Stile der 80er und Bronze getönte Spiegel in den Fluren. In Warnfarben aufgeklebte Richtungspfeile in den Treppenhäusern erinnern an die dunkelsten Zeiten der Pandemie, die in der Lombardei mit am härtesten wütete in Europa.

Unsere Herbergen atmen den schläfrigen Duft der Nebensaison

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir fast die einzigen Gäste am Buffet waren, allerdings mit einem Hunger, der dem üppigen Buffet sehr gut entspricht. Die schrullige Herbergsdame kümmerte sich rührend um unser Wohlbefinden und reichte uns einen Kaffee nach dem anderen. Wir füllen uns am Buffet die Trikottaschen mit Obst und Brötchen bevor wir in den ersten Anstieg des Tages starten, pünktlich 9:30.

Dein Körper weiß mittlerweile was kommt und so geht es in ruhiger Frequenz stetig bergauf, bis der erst Pass bei 1.600hm geschafft ist. Danach folgt etwas, was uns Matteo Minelli mit ‚technical Section‘ zum Lago di Tenno angekündigt hatte: es war eindeutig nicht fahrbar für unsere Fahrräder und sorgte für Kopfschütteln bei den Mountainbikern, die uns schiebend entgegen kamen. Manche würden es auch als Flussbett bezeichnen. Es fühlt sich definitiv besser an, das Fahrrad bergauf zu schieben, aber es bergab zu tragen, zeigt uns eine neue Dimension der Streckenführung. Aber hey! der Track ist der Track! Und so steigen, oder besser tänzeln, wir mit unseren steifen Radschuhen über Felsbrocken gen Tal und vernichten Höhenmeter, die wir doch lieber rollend auf einer Straße herabgesaust wären.

Das Ziel hat sich gelohnt: türkis leuchtend liegt der Lago di Tenno vor uns, dessen Größe sich stetig verkleinert, da kaum Wasser zu fließt. Wir trinken einen Kaffee und legen das Tagesziel fest, indem wir die Unterkunft in Brentonico buchen. Bis dahin liegt noch einiges an Strecke vor uns.

Mittlerweile sind wir am Nordufer des Gardasees angekommen. Hier hat der See eher den Charakter eines Fjordes, eingekeilt zwischen den steilen Berghängen ist er wesentlich tiefer als im Süden. Das Klima ist alpin frisch und es weht ein steifer Wind aus den Bergen. Wir stärken uns in Arco bei einer Pasta, beobachten die bunt gekleideten Aktiv-Urlauber auf ihren e-Bikes und rollen anschließend über Torbole das erste mal wieder ein Stück direkt am Seeufer entlang, bevor wir durch die angrenzenden Weinhänge in das Bergmassiv am Ostufer klettern. Die Dämmerung bricht herein, wir legen uns die Kette links auf den leichtesten Gang und fahren so langsam, dass uns Trailrunner mit Stirnlampen bergauf überholen. Gehts noch?

In Brentonico angekommen geht nicht mehr viel, zu unserem Erstaunen finden wir auch kein offenes Restaurant mehr. Wir schätzten uns aber glücklich als man uns an der Bar im Hotel Zeni noch ein getoastetes Sandwich anbot. Wir nahmen dankend an bevor wir uns im Zimmer ausstreckten. Dein Körper scheint wie jeden Abend noch voll Dopamin zu sein, weshalb Du nur schwer die Augen zu bekommst, zu intensiv waren die Eindrücke der letzten Tage.

Der Wecker klingelte 6:30, verbunden mit der Hoffnung, wenigstens am letzten Tag früher loszukommen. Es gelingt uns fast. 9:00 klettern wir im Morgentau den Monte Baldo empor. Die Luft schneidend frisch. Der Asphalt kalt und feucht. Auf der Straße dampfender Pferdedung. Die Straßenränder sind gesäumt von Kastanien und Walnüssen. Alte Menschen sammeln das, oder harken Laub zusammen. Am Straßenrand ein Schild: Noccio 1kg/5€

Und so fährst Du ein weiteres Mal in die Dunkelheit

Gegen Mittag hangeln wir uns entlang am Bergrücken des Monte Baldo. Gleitschirmflieger starten. Hütehunde treiben Schafe zusammen. Nicht mehr lang und wir starten in die letzte große Abfahrt der Tour, 1.300m bergab direkt an die Uferpromenade in Garda. Nach all den Tragepassagen bergab waren wir besonders froh, dass die letzte lange Abfahrt ausschließlich auf Asphalt verlief, ein Geschenk des Routenscouts. Die Räder bedankten sich mit Geschwindigkeiten an die 70km/h. In Garda buchten wir das Hotel für die letzte Nacht, fanden leider keine günstige Unterkunft in Verona, aber immerhin kurz davor in Bussolengo. So fährst Du ein weiteres Mal in die Dunkelheit. Fledermäuse schlagen Haken über Deinem Kopf. Das Sichtfeld wird auf den Lichtkegel der Scheinwerfer beschränkt, Gerüche und Temperaturen nimmst Du intensiver wahr, überall riecht es würzig nach frisch gepflügtem Acker. Es muss wohl gegen 21:30 gewesen sein, als wir die Runde um den See schlossen und wieder in Peschiera del Garda ankamen. High-five und das Klatschen schallt durch die engen Gassen. Waden dehnen! Und auf gehts: die letzten 20km ins Hotel in Bussolengo. Was für ein Fest!

Was wir noch sagen wollten

Dieser Reisebericht ist ein Aufruf: vielleicht nicht über ein neues Stück Ausrüstung, den neuen Laufradsatz nachdenken oder auf den Black Friday in der Lieblings-Radboutique warten, sondern einfach rausgehen und fahren: weniger over-thinking, just do it! Du hast das Zeug dazu. Diese Strecke bietet sich an. Du brauchst wenig Vorbereitung, die Gegend ist nicht alpin abgelegen, aber dennoch hält die Route genügend Überraschungen bereit, um Dich wie ein Abenteurer zu fühlen. Die Streckenführung ist nicht einfach, aber Du kannst alleses bewältigen, wenn Du weißt mit Deinem Fahrrad umzugehen. Notfalls einfach schieben! Ich bin 45er Reifen gefahren, etwas breiter hätte in den Abfahrten sicher nicht geschadet. Meine Übersetzung war vorne 38 und hinten 11-42 Zähne, das war ausreichend.

Im Oktober zu fahren war herrlich, was Witterung und Laubfärbung anging, schwieriger hingegen was Öffnungszeiten betraf: Herbergen und Rifugios befinden sich bereits in der Nebensaison und haben, wenn überhaupt, nur am Wochenende geöffnet. Die Küchen in den Restaurants sind typisch für Italien nur zur Mittagszeit und Abends geöffnet, dazwischen lieber einen Müsliriegel mehr in der Trikottasche haben, um die Stimmung zu retten.

Und noch etwas: wir sind fast jeden Abend in die Dämmerung gekommen. Ich hatte einen Scheinwerfer, der über den Nabendynamo versorgt wird. Da wir aber bergauf oder auf steinigen Pfaden meist so langsam unterwegs waren, hat der Dynamo nicht genügend Strom geliefert, um den Scheinwerfer leuchten zu lassen. Besser noch eine Stirnlampe einpacken oder einen Akku betriebenen Scheinwerfer. Oder einfach früher in den Tag starten.

In diesem Sinne: Viel Spaß, Du wirst es nicht bereuen.

Weitere Infos zur Strecke findest Du hier GranGarda

alle Fotos von Mike und Frank