Unterwegs an die Ostsee - der Steppenwolf 2022


Der Steppenwolf ist eine unkommerzielle Radtour von Berlin nach Usedom, oder um es mit den Worten der Kuratoren auszudrücken:

Er ist kein klassisches Radrennen, sondern eine wilde Fahrt zwischen Metropole und Meer, die wirklich jede*n fordert.

Die aktuelle Ausgabe fand vom 12. – 15. Mai 2022 statt und führte insgesamt 95 Teilnehmer*innen von Bernau nach Usedom und wieder zurück. Zur Auswahl standen 2 kuratierte Strecken, der etwas leichtere, aber dennoch anspruchsvolle Shorttrack (500 km) und der längere Wildtrack (700 km). Beide Strecken kreuzten sich unterwegs an 3 Checkpoints, wo sichere Übernachtungsmöglichkeiten und warme Mahlzeiten warteten.

Als Teil des Wildhood Adventure Clubs waren wir froh einige der beliebten Startplätze für den Shorttrack ergattern zu können, denn diese waren schnell vergeben und die Wartelisten wurden lang! Der Steppenwolf kostet kein Startgeld, sondern jede*r zahlt einen freiwilligen Spendenbeitrag, je nachdem wie sie oder er kann. Außerdem wird eine bestimmte Anzahl an Startplätzen für FLINTA* reserviert, um für mehr Diversität bei Fahrradrennen zu sorgen.

Dementsprechend motiviert und voller Vorfreude standen wir am 12. Mai pünktlich um 8:00 Uhr morgens vorm Bernauer Steintor zum Grand Depart. Vor uns lagen 4 abenteuerliche Tage, die die Gesamtstrecke in Tagesetappen von 100-140 km unterteilten.

Was danach folgte lässt sich schwer in Worte fassen, aber erfüllt uns immer noch mit Höchstgefühlen. Am besten beschreibt es vielleicht die Poesie der Langstreckenfahrt, bei der wir in unseren eigenen Rhythmus eintauchen, geformt von Landschaft, Terrain, Wetter und Tageszeit. Die Räder mit dem Nötigsten bepackt glitten wir durch die Hügel und goldenen Rapsfelder der Uckermark, entlang bildhübscher Seeufer, über Trails durch verwunschene Wälder, aalglatte Asphaltwege, holpriges Kopsteinpflaster und den für unsere Region charakteristischen Märkischen Sand.

Nach 120km erreichten wir den 1. Checkpoint, wo wir unsere Karte abstempelten und uns bei einer veganen Pasta und kühlem Bier stärkten, bevor wir in den kühlen See sprangen um uns den Staub vom Tag abzuwaschen. Der Garten hinter dem Gutshaus bot genügend Platz um Zelte, Hängematten und Bivys zu stellen.

Früh aus dem Schlafsack rollten wir die ersten Kilometer bis zum Supermarkt in Strasburg, wo wir frühstückten und unsere Trikottaschen mit Proviant füllten.

Langsam aber merklich änderte sich die Landschaft: der Horizont wurde flacher, der Wind nahm zu und die Luft roch etwas brackig nach Stettiner Haff. Eine kurze Fährfahrt und zwei Fischbrötchen später war es schließlich so weit: Wir rollten über die trubelige Promenade des Seebades Heringsdorf, bevor wir unsere Vorderräder in die kühle Brandung der Ostsee tauchen konnten. Kaum denkbar, dass wir erst vor anderthalb Tagen aufbrachen, aber die Zeit im Sattel war sehr kurzweilig. Jede*r fährt im eigenen Tempo, dennoch treffen wir ständig auf Gleichgesinnte, die auch in unserem Tempo pausierten, Pannen hatten oder im Sand feststeckten.

Die Macher – Markus und Jonathan

Die Idee hinter dem Rennen hatten Markus und Jonathan. Die beiden stammen aus Biesenthal bei Berlin und bildeten zusammen mit Freunden und Familie eine sehr sympathische Rennleitung. Uns interessiert natürlich sehr, wie sie zu der Idee kamen und was ihre Beweggründe waren, das Rennen so zu gestalten.

Markus, warum gerade Berlin-Usedom? Wie kam es dazu?

"Schon als Kinder sind wir regelmäßig zwischen beiden Orten hin- und hergefahren. Eigentlich waren wir jede Ferien mindestens vier Wochen bei Oma und Opa auf Usedom. Mit fünf und sechs sind wir das erste mal den Berlin-Usedom-Radweg gefahren, ein Jahr später den Oderradweg und ab dann fast jedes Jahr einmal hoch. Als Jugendliche haben wir dann ein Rennen draus gemacht, wer von uns beiden schneller die Strecke zurücklegen könnte. Wir kennen auf dem Weg also jeden Stein. Die Uferwege an den Brandenburger Seen sind unsere Mountainbiketrails und die Kopfsteinpflasterwege unser kleines Roubaix. Mit Bikepacking hatten wir tatsächlich vorher wenig zu tun, entweder machten wir lange Radreisen zum Beispiel nach Athen oder fuhren MTB-Rennen. Doch Bikepacking ist für uns die perfekte Mischung von beidem und so organisierten wir unsere eigene Challenge."

Dass Ihr die Strecke nicht zum ersten Mal fahrt, haben wir gemerkt. Lässig fand ich, dass du die Strecke auf dem Mountain-Bike und wegen Knieproblemen mit den Hallenturnschuhen deines Opas gefahren bist, während andere Teilnehmer*innen mit feinster Technik an den Start gingen. Wie habt Ihr die beiden Strecken gescoutet?

"Von Anfang an war es unsere Idee, keine flache Gravelstrecke zu schaffen, sondern einen möglichst vielfältigen und anspruchsvollen Track. Viele Wege kannten wir schon, andere fanden wir auf Karten oder unterwegs. Über Kopfsteinpflaster und Plattenwege freuen wir uns besonders. Am Ende macht es die Mischung – und da dürfen beim Steppenwolf Sandwege auch nicht fehlen. Hauptsache nicht mehr als sieben oder acht Kilometer Asphalt am Stück, das ist in gewisser Weise unsere rote Linie. Es freut uns, dass der Wildtrack schon jetzt einer der schwersten Bikepackingstrecken in Mitteleuropa ist – und dass im vermeintlichen Flachland. Weil wir den Steppenwolf aber für mehr Menschen zugänglich machen wollen, haben wir den Shorttrack ergänzt, der etwas weniger technisch und kürzer ist."

Stichwort Zugänglichkeit und Diversität: Wir fanden es für ein Bikepacking-Event beeindruckend so viele unterschiedliche Teilnemer*innen zu sehen, auch mit so unterschiedlichen Ambitionen. Wie habt Ihr das erreicht?

"Radsport sollte für alle da sein und nicht nur für schnelle junge Typen. Natürlich freuen wir uns über die auch, aber nachdem bei der ersten Austragung in 2021 nur Männer gestartet waren, war uns klar, dass wir etwas ändern müssen. Um den Zugang für mehr Menschen zu ermöglichen haben wir uns für den Shorttrack und sichere Schlafplätze entschieden, denn draußen zu schlafen ist nicht für alle gleich gefährlich. Außerdem haben wir extra Startplätze für FLINTA* geschaffen, die sehr gut angenommen wurden. Am Ende hatten wir ein großartiges Starter*innenfeld mit einigen FLINTA*, Menschen die zum ersten Mal Bikepacking machten, extrem schnellen Leuten, die kaum geschlafen haben und allem dazwischen. Aber natürlich ist hier noch viel zu tun und wir haben auch schon Ideen für das nächste Jahr, um den Steppenwolf zugänglicher zu machen. Am Ende wollen wir einfach eine schöne Zeit ohne Ellenbogengesellschaft aber mit dem härtest möglichen Geläuf unter den Rädern."

Da sind wir gespannt, womit ihr nächstes Jahr aufwartet. Auf Eurer Website habt ihr ein Regelwerk bzw. einen Kodex geschaffen für das Rennen. Warum ist das wichtig in unserer heutigen Zeit?

"Unser Kodex orientiert sich an dem, was Menschen vor uns schon als Rahmen für Bikepacking Adventure geschaffen haben: Der Trail ist der Trail, kein Support von außen, nehmt Rücksicht aufeinander und gegenüber der Natur. Was uns von Challenges wie der Grenzsteintrophy unterscheidet, ist, dass es erlaubt ist im Rudel zu fahren. Wir wollen nicht nur einsame Wölfe sondern auch kleineren Gruppen die gemeinsame Fahrt ermöglichen. Was uns außerdem wichtig ist: Wie der Great British Divide ist der Steppenwolf ein No-Fly-Ride. Sprich, die Anreise mit dem Flugzeug ist verboten. Das ist zwar nur ein kleiner Schritt, aber einer in Richtung eines Radsports, der ökologisch ist und die Klimakrise nicht weiter anfeuert. Denn genau das tut das u.a. von Ölkonzernen finanzierte Peloton des Profiradsports."

Die Möglichkeit mit anderen Teilnehmer*innen zusammenzufahren hat uns gut gefallen und hat die Zeit im Sattel auch sehr kurzweilig gemacht. Super fanden wir auch die Checkpoints, wo die Teilnehmer*innen für das Nachtlager wieder zusammenkamen und sich beim gemeinsamen Bier oder Lagerfeuer austauschen konnten. Einige sind geblieben, andere sind weiter in die Nacht gefahren. Wie habt ihr diese Orte gefunden?

"Natürlich war es klar, wo die Checkpoints ungefähr liegen mussten. Wir wollten besonders auf dem Shorttrack vier ähnliche lange Abschnitte haben, damit Menschen, die nicht im Wald biwakieren wollen, einen sichere Wiese haben. Mehr Komfort sollte es aber auch nicht sein. Also suchten wir nach einfachen Orten, die mindestens eine Wiese, eine Küche und ein Bad haben. Durch Zufall fanden wir ein linkes Hausprojekt bei Woldegk, die sich über unseren Besuch freuten. So stand der erste Checkpoint. Auf Usedom war es klar, dass wir den zweiten Checkpoint in einem Fischerdorf bei Verwandten einrichten konnten und so fehlte nur ein dritter Checkpoint für den uns ein Finisher aus dem letzten Jahr eine rustikale Fahrradherberge empfahl, wo genug Leute auf der Schafswiese campen konnten. So kam eins zum anderen."

Lieben Dank, Markus. Wir freuen uns schon auf die Ausgabe im kommenden Jahr und sind gespannt wo es hingehen wird. Und einmal mehr zeigt dieses Format, dass die Abenteuer vor der Haustür liegen….man muss sich nur auf den Weg machen!

Weitere Infos unter www.steppenwolf-berlin.de und @steppenwolf030

Alle Bilder von Mike und Frank