Bikepacking auf den Kanaren - die Gran Guanche Route


Inselhopping auf den Kanaren mit dem Gravelbike im Februar? Ich war sofort Feuer und Flamme, als mir mein Kumpel Mike von der Idee berichtete. Die sogenannte "Gran Guanche Route" spukte schon länger in unseren Köpfen herum, und der abklingende Lockdown schien nun endlich den Weg frei zu machen. Aber langsam und von vorn:

Gran Guanche, what?

Gran Guanche ist ein Routenvorschlag, der die Kanarischen Inseln – Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, Teneriffa und El Hiero – miteinander verbindet. Er stammt aus der Feder des Norditalieners Matteo Minelli. Als dieser lockdown-mäßig 2021 auf Lanzarote festsaß, finalisierte er seine Pläne, die landschaftlich reizvollen und klimatisch sehr unterschiedlichen kanarischen Inseln durch eine Route zu verbinden. Die Gran Guanche verläuft dabei auch auf dem westlichem Teil des Fernwanderwegs E7, GR131 und über beliebte Radstrecken auf den Inseln. Rausgekommen sind 3 fantastische Routen, die je nach Oberflächenbeschaffenheit sich eher an

  • Mountainbike (hoher Trailanteil) 800 km
  • Gravelbike (breitbereifte Rennräder) 700 km
  • Rennrad (ausschließlich Asphaltstraßen) 600 km

richten. Die einzelnen Inseln werden mit regelmäßig verkehrenden Fähren verbunden. Alle Informationen zu den Strecken finden sich auf der sehr informativen Website, wo GPX-Tracks und übersichtliche Guides runtergeladen werden können, die über Reiseplanung, Logistik, Ausrüstung, Fahrpläne der Fähren, Etappen-Einteilung, Unterkünfte und Steigungen/Höhenmeter informieren.

Wir entschieden uns für die Gravel-Variante der Strecke, da sie unseren Fahrrädern am besten entsprach und wir uns durch die Mischung von Offroad-Abschnitten (70% der Strecke) und Asphaltstraßen erhofften, den großen Tourismusspots zu entkommen und eher das Hinterland zu erkunden, ohne jedoch vollkommen remote zu sein. Unterm Strich hieß es aber auch insgesamt 700 km Strecke auf unwegsamen Gelände mit 16.000 Höhenmetern zurückzulegen. Dafür hatte ich mir 8 Tage Zeit genommen. Und hier ging das Abenteuer los!

Es galt möglichst leicht zu packen, um keinen unnötigen Ballast über die Berge zu fahren. Die Packliste findet ihr hier. Wir entschieden uns für ein kleines Zelt und minimale Kochutensilien, da wir hauptsächlich entlang der Strecke kulinarisch Land und Leute erfahren wollten. Mit dem Zelt erhofften wir uns Unabhängigkeit, da wir schlecht einschätzen konnten, wie schnell wir – abhängig von Gelände und Witterung – vorankommen würden. Zum Zelten sei aber folgendes gesagt: Wildcampen ist in Spanien verboten, auch darf kein Feuer gemacht werden. Die Campspots, die wir besuchten, lagen in Nationalparks und verlangten eine Genehmigung (Permiso), die vorab meist online beantragt werden musste (wussten wir aber nicht).

Logistisch macht es Sinn, zum Start nach Lanzarote zu fliegen und von Teneriffa Süd wieder zurück. Einen Fahrradkarton haben wir uns jeweils unproblematisch vor Abflug in Fahrradläden besorgen können. Auch dazu finden sich alle Infos auf der Gran Guanche Website.

Lanzarote - Wind Wind Wind auf schwarzen Lavafeldern

Nach der Montage unserer Räder, die unversehrt von der Airline transportiert worden waren, entfliehen wir schnell dem Gewirr an Straßen und Autobahnen rund um den Airport und nehmen hochmotiviert bei angenehmen 25 Grad die ersten leeren Landstraßen Richtung Westküste der Insel. Glücklich, dass es nun endlich los geht, rollen wir abends unsere Isomatten in einer Senke direkt neben dem Trail aus und blicken in einen sagenhaft klaren Sternenhimmel.

Ich liege im Schlafsack und träume von Henning, dem Protagonisten in Juli Zehs Roman ‚Neujahr‘, der auch mit dem Rennrad auf Lanzarote unterwegs ist und mit widrigstem Wind und Steigungen zu kämpfen hat und dabei sein Leben Revue passieren läßt. Ich wache auf und denke: Was weiß Juli Zeh schon vom Radfahren. Nichts!

Über Nacht hat der Wind aufgefrischt und unsere Schlafsäcke mit feinem Sand bedeckt. Mike meint, es sei der Calima, ein vorherrschender Ostwind aus Marokko, der Sand aus der Sahara aufs Meer weht. Ostwind hört sich nicht so schlimm an, wir wollen ja nur 50 km nach Süden zum Fähranleger in Playa Blanca. Die ersten Kilometer im Sattel merken wir aber, dass Juli Zeh verdammt nochmal recht hatte und was es heißt, auf einer Atlantikinsel radzufahren: Der Wind, oh boy, er kommt von vorn mit einer Stärke, die unsere Schienenbeine sandstrahlt und die Tonleiter auf meiner Trinkflasche bläst, sobald ich sie aufdrehe. Kommt er seitlich ist es hin- und wieder problematisch das Gleichgewicht auf der schwarzen Schotterpiste zu halten. Mir dämmert: Ein Surfurlaub wäre sicher passender gewesen.

Wir schieben uns durch karge, schwarze Lava-Landschaften, die uns in ihrer Eintönigkeit zu einem meditativem Wiegetritt verhelfen. Eindrucksvolle Landstriche und Umgebungen, wie der Parque Nacional de Timanfaya oder die Steilküste Los Hervideros werden uns in Erinnerung bleiben. Erstaunlich war auch das Bemühen der Inselbewohner*innen in den kargen Böden Trichter zu graben, wo vor Erosion geschützt jeweils ein einzelner Weinstock kultiviert wird.

Fuerteventura - immer noch Wind in roter Marslandschaft

In einer halben Stunde setzt man mit der Expressfähre nach Fuerteventura über. Wir lassen den Tag mit Rückenwind bis El Cotillo entlang traumhafter Surfstrände ausklingen. Dort angekommen stärken wir uns bei Paella und kanarischen Leckereien, wie den Papas arrugadas mit Mojo (Salzkartoffeln mit Knoblauch-Dipp). Das Zelt bauen wir in den Dünen auf und hoffen, somit etwas Schutz vor dem Sand im Wind zu finden. Spoiler: Hat nicht wirklich geklappt.

Der kommende Tag führt uns durch abgelegene, menschenleere rote Wüstenlandschaften mit bildhübschen Steilküsten und Buchten. Lediglich Kaktusfeigen und vereinzelte Ziegen scheinen hier zu leben. Der Wind kommt weiterhin von vorn, jedoch fordern die ersten ernsten Steigungen unsere volle Konzentration. Die Mittagssonne ist mittlerweile wirklich heiß und so nehmen wir uns vor, von da an früher in den Tag zu starten, Mittags länger Pause zu machen, um dann in den kühlen Abend zu fahren. Wir kommen noch bis Cardón, wo wir vor lauter bellenden Hunden direkt hinter einem kleinen Supermarkt nur im Innenzelt schlafen.

Um die 12-Uhr-Fähre nach Gran Canaria zu bekommen, fahren wir bereits bei Sonnenaufgang los und rollen die 50 km bis Morro Jable bergab. Sogar ein kurzer Sprung in die Wellen ist noch drin, um den Sand der letzten Tage aus den Trikots zu waschen.

Gran Canaria - kein Wind, dafür steile Berge und grandiose Aussichten

Dem Großstadtdschungel von Las Palmas entkommen, schrauben wir uns die grandiosen Anstiege bis auf den zweit höchsten Berg Gran Canarias: dem Pico de las Nieves (1.949 m). Die starken Gegenwinde der letzten Tage sind vorbei und wurden gegen steile Rampen getauscht. Die Luft wird herrlich klar und kühler, keine Menschenseele und langsam ändert sich die Vegetation zu würzig duftenden Pinien. Wir steuern den Campingplatz Llanos de Pez an. Hier gibt es leider kein Trinkwasser, dafür aber eine richtig kühle Nacht mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Dick eingepackt starten wir am nächsten Morgen mit den ersten rauschenden Abfahrten (Vorteil dieser Insel: Wir müssen immer wieder bis auf Meeresniveau hinabfahren) und lassen die Bremsscheiben glühen. Auf den ruppigen Trails ist das harte Arbeit, aber zaubert uns trotzdem ein breites Grinsen aufs Gesicht. Die Aussichten sind atemberaubend, die Wolkendecke liegt uns wortwörtlich zu Füssen. Die Gegend ist so verlassen, dass wir kaum Menschen treffen – aber leider auch keine Chance haben, unser Trinkwasser aufzufüllen. Die Vorfreude auf ein kühles Bier im Fährhafen von Agaete wuchs von Stunde zu Stunde und wurde schließlich an Bord der Fähre belohnt. Allerdings machte mir diesmal der Seegang auf der Fähre nach Teneriffa zu schaffen.

Teneriffa – unterwegs am Pico del Teide, Spaniens höchstem Berg

Da es Sonntag Abend ist, entscheiden wir uns in Santa Cruz in ein Hostel einzuchecken. Das Fenster von Zimmer 506 hat zwar keine Aussicht und die Matratze ist durchgelegen, dafür bietet die Dusche warmes Wasser und das Waschbecken ist mit einem Stück Seife schnell zu einer Waschmaschine für salzig staubige Radtrikots umfunktioniert.

Die Strecke durch Teneriffa wird uns hauptsächlich durch Nationalparks führen, wo es keine Orte für einen Re-Supply geben wird. Wir steuern daher den nächsten Supermarkt an, füllen alle Wasserreserven auf und stopfen uns die Trikottaschen mit Bananen, Schokocrossaints, Baguette und Jamon Iberico voll. Das Wetter zieht sich zu und wir klettern in den kühlen, feuchten Wolken die Trails zum Fuße des Pico del Teide (3.715m), Spaniens höchstem Berg, empor. Mit einer Sicht unter 10 m fahren wir durch märchenhafte Pinienwälder auf herrlich weichen Nadelbetten.

Auf Teneriffa zelten wir ein letztes Mal in La Caldera (auch hier kein Trinkwasser). Wir snacken etwas Schinken mit Baguette und teilen uns ein Tütenfutter bevor wir unsere warmen Schlafsäcke kriechen. Die Temperatur ist wieder empfindlich kalt und schön feucht.

Am nächsten Morgen nähern wir uns dem höchsten Punkt der Tour, dem Corral del Niño (2.240 m). Ab hier wiederholt sich das gleiche Spektakel wie in Gran Canaria: Wir rollen stundenlang auf wilden Pisten bergab Richtung Meeresniveau und tauchen dabei wieder in die Wolkendecke ein. Gleißende Sonne und Fernsicht wechseln mit feuchtem Nebel und regennasser Brille. In dem hässlichen, vom Pauschaltourismus geprägtem Küstenort Los Cristianos angekommen, endet für mich leider die Tour, da meine acht Tage bereits vorbei sind und ich zurückfliege. Am nächsten Tag werde ich mein Rad wieder zerlegen und die Heimreise von Teneriffa-Süd nach Berlin antreten.

Mike hat noch etwas länger Zeit und wird die Route Richtung El Hiero, wie im Guide vorgesehen, fortsetzen und noch eine weitere Insel erkunden.

Zusammengefasst hatte ich bereits bis hierhin so viel erlebt, wie es mein Kopf nach diversen Lockdowns kaum mehr verarbeiten kann. Die Räder haben super gehalten: Wir hatten nicht mal einen Platten! Dennoch rate ich, sich vorab über die Windrichtungen auf Lanzarote und Fuerteventura zu informieren: Es könnte den Spaß noch steigern oder ihn eben vermiesen, je nachdem!

Abschließend noch ein wichtiges Thema: Sicherheit. Wir haben uns auf unserer Tour zu keiner Zeit unsicher gefühlt. Weder was die nächtlichen Schlafplätze, den Straßenverkehr, noch den Routenverlauf angeht. Auf den Inseln sind viele Touristen in Mietwagen unterwegs. Die meisten fahren daher vorsichtig, und es wird sicher überholt. Der Routenverlauf in der Gravel-Variante enthielt keine technisch schwierigen Trails. Die verschiedenen Routenvorschläge (Gravel und Road) kreuzen sich mehrfach, so dass immer auch eine Straße erreicht werden kann, falls dies bei Unfällen oder Pannen nötig sein sollte.

Weitere Informationen zur Route:

Alle Bilder von Mike und Frank